Tunesien: Eisenbahnunglück in der Seldja-Schlucht
Die Gleise durch die Seldja-Schlucht sind nach mehreren Hochwassern wiederhergestellt, nur ein verunglückter Phosphatzug liegt im Tal.
Richet Naam, das Paradies für Eisenbahnfans
Bin ja von Redeyef die Rommelpiste runter und dann am Fuß des Djebel Chouabine die Segdoud-Piste östlich nach Richet Naam gehoppert. Stehe nun endlich auf dem mir zugewiesenen Busstellplatz bei Ali Bouchech. Ist nett hier, aber so langsam muss ich mich aus der Klammer der Gastfreundschaft befreien. Sonst tingele ich nur noch von einem Kumpel zum nächsten.
Richet Naam steht auf dem Ortseingangsschild, aber das ist eigentlich schon ein Teil von Metlaoui. In Metlaoui wiederum startet der Lezard Rouge, ein 116 Jahre alter Salonzug des Bey von Tunis. Beziehungsweise würde von Metlaoui die Rote Eidechse starten, wenn sich die tunesische Staatsbahn mal mit der Sanierung auskäst. Was mich aber in Richet Naam interessiert, ist die tunnelige Eisenbahnstrecke durch die enge Seldja-Schlucht. Angeblich ist die Strecke nach mehreren Hochwassern nämlich zerstört, weshalb der Lezard Rouge in Metlaoui abgestellt und dort vandalisiert wurde.
Schnappe mir also ohne große Vorbereitung den Rucksack mit Powerbank und Wasserflasche und marschiere los. Merke nach einem Kilometer, dass ich noch Hausschuhe anhabe. Aber jetzt laufe ich nicht mehr zurück. Die Sonne geht nämlich schon langsam unter, und es ist noch ein gutes Stück bis zu den ersten Eisenbahntunneln.
Selja- / Seldja- / Thelja-Schlucht
Na, da sehe ich doch schon den Coup de Sable, also den Säbelhieb, der den Djebel Chouabine in zwei Teile gehackt hat. Dieser Name steht in keiner Karte, sondern nur in meinem Reiseführer (Reise Know-How, Ausgabe 2023, Seite 260). Der Coup de Sable ist ganz nett, aber ich bin vor allem wegen der Eisenbahnstrecke durch die Seldja-Schlucht hier. Und tatsächlich sieht man rechts im Foto schon das erste Tunnelportal des Lezard Rouge, also der Roten Eidechse.
Sprachlich geht es in Tunesien zwischen Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch etwas durcheinander, vor allem bei den Ortsbezeichnungen. Die OpenStreetMap benennt den für die Schlucht namensgebenden Ort Selja, bei Google Maps heißen die Schluchten Gorges de Thelja und Karte und Reiseführer aus dem Reise-Know-How-Verlag preisen die Seldja-Schlucht.
Das ist aber egal, es sind alles nur Versuche einer Transliteration aus dem Arabischen. Und überhaupt muss ich erstmal in Hausschuhen über den wilden Fluss in der Seldja-Schlucht.
Begehbare Eisenbahntunnel der Seldja-Schlucht
Fühle mich wie im Wilden Westen. Auf dem Bahndamm des Lezard Rouge zwischen den beiden ersten Tunneln sieht es mit den runtergerutschten Gleisen so aus, als ob das stumme Zeugen eines Überfalls oder Eisenbahnunglücks wären.
Aber oben auf dem Bahndamm sieht die Welt ganz anders aus. Die Schienen sind nun nicht gerade super blank, aber das Gleisbett ist frisch gestopft. Durch diesen Abschnitt der Seldja-Schlucht wird schon ab und zu ein Zug fahren.
Auch der Eisenbahntunnel des Lezard Rouge ist in einem guten Zustand. Bei der Enge da drin sollte allerdings nicht unbedingt ein Zug kommen, wenn ich da durchlaufe.
Aber der Tunnel ist keine 100 m lang, ich bin nur für mich verantwortlich und die Eisenbahn durch die Seldja-Schlucht ist nun nicht gerade eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Und schon sehe ich den Säbelhieb durch den Djebel Chouabine (Coup de Sable) von der Rückseite.
Eisenbahnunglück in der Selja-Schlucht vom 12.11.2025
Sehe allerdings auch, dass hier tatsächlich ein Eisenbahnunglück stattgefunden hat. Ein ganzer Phosphatzug ist entgleist und in die Seldja-Schlucht gestürzt.
Das Internet bestätigt, dass hier am 12.11.2025 ein Phosphatzug verunglückt ist. Der Lokführer hat das Eisenbahnunglück überlebt, sein Gehilfe leider nicht.
Und dann sehe ich auch tatsächlich einen vollen Zug ins Tal rollen.
Der Phosphatzug fährt ziemlich langsam, aber er fährt. Hab das Gefühl, ich könnte hinterherlaufen und aufspringen. Mache ein Video und zucke auch kurz, lasse das dann aber lieber.
Will ja sowieso noch ein Stück weiter in die Seldja-Schlucht hineinlaufen, die breit, feucht und grün wird. Sehr interessant, sehr interessant. Aber es wird bald dunkel und ich muss zurück. Schade, aber ich bin einfach zu spät losgewandert.
Nachtwanderung zurück zum Bus
In Tunesien wird es ziemlich schnell ziemlich dunkel und ich sehe schon bald kaum noch was. Bin für den Rückweg auf der Piste unterwegs und kann den Säbelhieb kaum noch erahnen.
In der Dunkelheit und erst recht mit Hausschuhen kann ich nun aber nicht mehr direkt querfeldein zum Bus zurücklaufen, sondern muss so eine komische Spitze gehen. Auch davon gibt es ein kleines Video auf Youtube.
Campingplatz Dar Bouchech
Die Strategie geht auf und ich bin nach einem Gewaltmarsch recht schnell wieder zurück am Bus. Dennoch, die 13-km-Wanderung durch die Seldja-Schlucht war für den Abend sehr schön.
Der Campingplatz Dar Bouchech hat sich voll auf den einzigen Gast eingestellt, der nun endlich eintrudelt. Die Lichtshow sieht man natürlich besser im Video.
Nach dem herzlichen Empfang wird das Festessen aufgetafelt. Ich bekomme eine sehr schmackhafte Bohnensuppe, dann Brik, das ist so eine frittierte Teigtasche mit unbekanntem Inhalt, hier wohl Ei und Linsen oder so etwas.
Am besten ist der Teller mit den übersüßen Backwaren.
Alles schmeckt, ist allerdings ein bisschen viel. Aber kein Problem: Ich hab nach den Erfahrungen mit den überreichlichen Abendessen in Mides mittlerweile immer eine Tüte dabei und kann Sachen unauffällig verschwinden lassen. Es ist jedenfalls schön, bei Ali im Garten zu sitzen, die ganzen bunten Lichter anzuschauen und kulinarisch verwöhnt zu werden. Wobei es die Tunesier dann doch immer übertreiben. Bin echt nicht gewohnt, so spät überhaupt noch was zu essen, schon gar nicht in solchen Mengen.
Aber der Stellplatz ist gut, das Essen fantastisch und die Seldja-Schlucht phänomenal. Das gibt Nachschlag. Werde wohl morgen mal mit dem Fahrrad die ganze Seldja-Schlucht mit allen Eisenbahntunneln erkunden.





















