Mides und der echte Ramadan
Die für heute geplante Dankeschönparty ist echt nicht kompatibel mit der speziellen Art, wie der Ramadan in Mides gelebt wird.
Sonnenaufgang in Mides
Ziemlich genau ein Jahr nach meinem Sturz in die Schlucht von Mides steht der Bus nach der gestrigen Anreise durch das Nachtgewitter wieder auf dem Stammplatz am Mides Family Resto. Aufstehen 6:30 Uhr. Sonnenaufgang 07:03 Uhr.
Schnappe das Minifahrrad und drehe erstmal eine Runde. Muss mir erstmal einen Überblick verschaffen. Ah, das Stellplatzrestaurant hat jetzt einen Sanitäranbau mit Duschen und Toiletten für die nicht autarken Camper. Sehr gut.
Will vor allem aber gucken, wo früh das Licht für Fotos von Mides und den Schluchten am besten ist.
Sonnenaufgangsfotos sind in Tunesien nämlich nicht so einfach. Zumindest dann, wenn man an den Fotos nichts bearbeitet und auf gutes Licht angewiesen ist. Muss also schnell sein, denn die Sonne lässt sich auf ihrem Weg in den Zenit nicht so viel Zeit wie bei uns.
Im neuen Beton-Mides ist es aber nicht so besonders. Da ist die Oase viel besser.
Gibt zwischen den Palmen immer was zu entdecken. Und wenn es mein Minifahrrad ist.
Auch das alte Lehm-Mides ist im Morgenlicht hübsch anzusehen.
Meine Absturzstelle in die Schlucht von Mides
Ja, und dann fahre ich zur Traumaverarbeitung natürlich auch an meine Absturzstelle. In diese schmale, aber tiefe Schlucht da hinten bin ich letztes Jahr gestürzt. Hab die Augen nur mit viel Glück wieder aufgemacht.
Hier noch einmal der Blick von der anderen Seite. Das war schon dumm, dort so leichtfertig herum zu hopsen. Aber selbst heute sehe ich nicht die große Gefahr, und schon gar nicht, dass es dort so tief runter geht.
Gestern Abend hat Salah schon gescherzt, dass ich ja jetzt Halbtunesier bin, weil ich in der Schlucht von Mides wiedergeboren wurde. Und so ist es eigentlich auch. Hat sich viel geändert seitdem. Wenn ich das alles vorher schon gewusst hätte, wäre ich gesprungen. Ansonsten habe ich keine besonderen Gefühle. Es gab ja auch damals keinen letzten Film, keinen Schrei und keine Angst. Ich weiß nur noch, wie ich dachte, dass ich jetzt die Augen lieber wieder aufmache. Gott sei Dank waren da meine Jungs dabei, sonst hätte ich mir das vielleicht anders überlegt.
Algerische Grenze
Nach der stillen Besinnung am Canyon radle ich noch bis zur algerischen Grenze und werfe (wirklich nur) meinen Schatten auf das große Nachbarland. War da schon mal, aber das ist lange her. So ein bisschen hoffe ich noch darauf, dass der Chef der Nationalgarde auf meine Party kommt und ich irgendeine Sonderbehandlung für die Einreise nach Algerien kriege.
Meine Aufgaben als Gast
08:30 Uhr bin ich zurück am Mides Family Resto. Mache den beiden jungen Peugeot-305-Campern die versprochenen Brötchen und wir frühstücken zusammen, während Salah Tee mit eigens aus dem Garten gepflückten Orangenblüten serviert. Ich erzähle den beiden meine Geschichte und wir tauschen uns aus. Jette teilt meine Leidenschaft zu alten Steinen, Tobias die zu alten Autos. So kommen wir vom einen zum anderen und die beiden wissen jetzt mehr über mich als die Mutter meiner Kinder. Falls ihr das mal lest oder jemand die beiden kennt, sorry für meine Geschichten und viele Grüße.
Ansonsten nehme ich mir für heute nichts vor. Größte Herausforderung ist es, die Markise windsicher aufzustellen. Verzurrt an den Felgen hält die halbwegs.
Meine Aufgabe als Gast ist aber natürlich auch, den Gastgeber zu unterhalten. Und so schlendere ich mit Salah durch den Garten, lobe seine Zitronen und Orangen und Bäume und Baupläne, muss ihm aber den Zahn ziehen, dass ich irgendwelche baukonstruktiv sinnvollen Hinweise geben könnte. Dafür bin ich viel zu sehr Fachidiot. Doch obwohl ich keine Hilfe bin, soll ich meine Aldi-Zitronen wegschmeißen und seine nehmen.
Aber da kennt er mich schlecht. Ich haue doch nichts weg, was noch brauchbar ist. Und auch das kaputte Radio kann man doch noch reparieren. Mechanik ist in der Regel nicht kaputt, sondern nur schlecht gepflegt. Und tatsächlich klemmt nur die Senderverstellung.
Das ist auch das, was mich an alten Fahrzeugen so fasziniert. Einfache, solide Technik, leicht zu reparieren. Außerdem ist so eine Reise im alten Peugeot 305 viel mehr wert und bringt viel mehr Erfahrungen als die im neuesten Blinkblinkmobil. Und so erzählen die beiden von ihren Begegnungen und nichts von klemmenden Eingangstreppen oder undichten Dachfenstern wie die typischen Exmonauten.
Keine Party im Ramadan
Ja, ich muss mich auch von manchen Vorstellungen freimachen. Hatte vor, heute nach Ramadan eine Party für meine Retter und Helfer abzuhalten. Aber hier betrachten die guten Leute den Ramadan nicht nur als notwendiges Übel, sondern leben das wirklich. Selbst nach Sonnenuntergang findet da nicht nur Essen statt wie ich das kenne, sondern die lesen dann im Koran, stehen nachts noch mal auf und gehen in die Moschee. Auch sind Vergnügungen jeder Art nicht so angesagt. Insofern wird die Party verschoben und ich komme nach dem finalen Fastenbrechen nochmal nach Mides. Dann muss ich auch nicht auf den Sonnenuntergang warten.
Abendmenü statt Abendbrot
Abends kommen noch drei junge Leute mit einem Toyota Hiace Allrad. Wusste noch gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Und so sitzen die drei Teams Peugeot 305, Hiace und 711 an drei verschiedenen Ecken im Restaurant und unterhalten sich beim Abendmahl quer über die Tische.
Sie berichten vom Aufsehen, dass sie mit dem äußerlich unscheinbaren Hiace unter all den hochgerüsteten Geländewagen am Tembaine erregt haben. Das ist ganz nach meinem Geschmack.
Auch sonst ist der Abend ganz nett, auch wenn ich mal kommunizieren muss, dass ich so ein ausuferndes Abendessen eigentlich nicht möchte. Aber ich bin Gast und muss mich fügen. Und es schmeckt ja auch super.
Bin es echt nicht gewohnt, so spät am Abend so viel (und so gut) zu essen. Doch draußen scheint der Mond und ich kann ja noch ein Stück rund ums Mides Family Resto spazieren gehen.
Morgen jedenfalls muss ich den ganzen Tag fasten und mache noch eine große Wanderung von Mides nach Tamerza, damit ich das Fünf-Gänge-Menü am Abend besser verkrafte.




















