Bou Hedma: Antilopensafari in der letzten Savanne Tunesiens
Auf einer Safari durch die Savanne des Nationalparks Bou Hedma kriege ich Antilopen, Gazellen und Ferngläser gezeigt.
Morgentoilette an der Außendusche
Nach der gestrigen Anreise über nächtliche tunesische Pisten sehe ich im ersten Morgenlicht überhaupt erst mal, wo ich überhaupt bin.
Stehe so einsam, dass ich den Tag mit der Morgentoilette an der (kalten) Außendusche beginnen kann. Hab mir extra einen neuen Schlaf-Djellaba nähen lassen, damit ich mich in Tunesien standesgemäß sehen lassen kann. Bloß die Kapuze fehlt.
Hinten an der Duschzuleitung spritzt allerdings neuerdings Wasser raus. Hab den Schlauch so dumm verlegt, dass der nach 7 Jahren an der scharfkantigen Rücklichtverkleidung durchgescheuert ist. Na ja, wenn ich mich beeile, geht’s mit dem Wasserverlust. Und es gibt ja einen Absperrhahn, da kann mir die Undichtigkeit vorerst egal sein. Da ist der Sonnenaufgang über der Savanne Bou Hedma wichtiger.
Verschlossener Eingang zum Nationalpark Bou Hedma
Die Savanne habe ich ja gestern Abend ganz gut getroffen. Mir war aber nicht bewusst, wie gut ich wirklich stehe, denn ein paar hundert Meter weiter steht der Aussichtsturm von Bou Hedma.
Nur leider ist der eigentliche Nationalpark Bou Hedma eingezäunt. Und ohne Genehmigung werde ich da auch nicht reinkommen.
Naja, reinkommen würde ich schon, aber ich versuche, mein Interesse an der letzten tunesischen Savanne in legalem Rahmen zu halten. Und da das Wohnmobil direkt am Zaun des Nationalparks Bou Hedma steht, kann ich mich aufs Dach setzen und von da mit dem Fernglas nach Antilopen Ausschau halten.
Nur tun mir die Antilopen nicht den Gefallen und halten sich vom Zaun fern. Der Eingang zum Nationalpark ist auch verschlossen. Und da ist auch niemand, den ich bequatschen könnte.
Eintritt in den Nationalpark Bou Hedma
Wie ich jedenfalls mit meinem Fernglas in der Hand so um den Zaun des Nationalparks Bou Hedma herumschleiche, kommt um 09:45 Uhr ein Traktor und hält an. Dann macht der Fahrer auch noch den Motor aus. Gibt das jetzt Ärger? Bloß gut, dass ich auf der richtigen Zaunseite stehe.
Mein Besucher stellt sich als Chef des Nationalparks vor. Er kann immerhin fünf Wörter Französisch, während ich mit meinen fünf Wörtern Arabisch Eindruck mache. Trotzdem verstehen wir uns erstaunlich gut und schauen erst einmal ein bisschen mit den Ferngläsern in die Gegend. Und zwar ich mit seinem riesigen 8×60, er mit meinem kleinen 10×42. Aber da liegen wirklich Welten dazwischen. Nicht nur bei der Vergrößerung, sondern auch bei Schärfe, Klarheit und Detailwiedergabe ist mein NXT wesentlich besser, dabei aber maximal halb so groß und schwer. Jedenfalls outet sich der Nationalparkchef als ein totaler Fan deutscher Ferngläser und würde sein französisches Drecksding am liebsten wegschmeißen.
Mir bleibt aber unklar, was er will. Aber dann gibt er mir zu verstehen, dass ich mitkommen soll. Ich weiß schon, dass in der gezeigten Richtung das Tor zum Nationalpark ist, ziehe schnell noch richtige Schuhe an und setze meinen Cowboyhut auf. Tatsächlich hat er einen Schlüssel und verschafft mir ganz unbürokratisch Eintritt in den Nationalpark Bou Hedma. Na, das sieht mir nicht nach einer Bestrafung aus.
Besucherturm im Nationalpark Bou Hedma
Jetzt wird’s interessant. Der Nationalparkchef höchstpersönlich steuert nämlich direkt den Aussichtsturm über der Savanne Bou Hedma an.
Da drin gibt es sogar Schlafräume. Ich frage mich, ob man die auch buchen kann, will aber jetzt lieber keine dummen Fragen stellen.
Nach drei Etagen Wendeltreppe stehen wir ganz oben auf der Aussichtsplattform des Besucherturms Bou Hedma. Touristen scheinen hier selten zu sein.
Von oben fantastische Rundsicht auf die eingezäunte Savanne Bou Hedma. Der Chef entdeckt relativ schnell eine Gazelle und zeigt mir die Richtung. Ich gucke und gucke, kann aber nichts erkennen. Ich weiß ja noch nicht einmal, wie die aussehen, wie groß die sind, ob die allein oder in einer Herde unterwegs sind und wo genau ich überhaupt suchen muss. Hab nur Reiseführerwissen und sonst nichts. Und man sieht eben immer nur das, was man schon kennt. Jedenfalls fragt er mich immer wieder, ob ich die Gazelle sehe, und ich muss jedes Mal verneinen. Dabei habe ich nicht nur den cooleren Hut, sondern vor allem das bessere Fernglas.
Schon bald platzt ihm der Kragen, denn er will mir unbedingt eine Gazelle zeigen, während ich mich zu prasslig anstelle. Also soll ich oben warten, während er den Traktor holt, damit wir ein bisschen rumfahren können. Insofern hat meine Unfähigkeit, eine Gazelle zu entdecken, auch etwas Gutes. Denn jetzt gibt es eine Safari durch den Nationalpark.
Während ich auf den Chef warte, entdecke ich selbst zwei kleinere Gazellen in ziemlicher Entfernung. Sehe die aber nur im Fernglas. Mit dem Handy bekomme die nicht visualisiert. Am NXT fehlt echt ein Knopf, mit dem man das Gesehene festhalten kann. Das wäre perfekt. Aber wie dem auch sei, irgendwo da hinten in der Savanne hüpfen zwei Gazellen herum.
Traktorsafari durch die Savanne Bou Hedma
Obwohl ich stolz von meinen Gazellen berichte, fährt er mich trotzdem mit dem Traktor durch den Nationalpark Bou Hedma.
Ziehe also die Hutschnur straff, setze mich auf den Kotflügel, klammere mich mit einer Hand am Trecker fest und jongliere mit der anderen mein Handy herum. Das Fernglas kann ich bei dem Geruckel vergessen.
Tatsächlich zeigt mir der Chef schon bald meine erste Säbelantilope im Nationalpark Bou Hedma. Das Foto ist zwar nicht besonders scharf, aber für ein einhändiges Handybild vom offroad fahrenden Traktor bin ich ganz zufrieden. Und am Ende kommt es sowieso auf den Liveeindruck an.
Sehe jetzt auch ganze Herden von kleinen braunen Gazellen.
Und dann gibt es die großen weißen Mendesantilopen mit den langen Hörnern. Die sind fast kuhgross und in kleinen Herden unterwegs. Jungtiere haben sie auch dabei.
Hab zwar jetzt alle Tiere im Nationalpark Bou Hedma gesehen, aber der Chef will es wissen und fährt mich von einer Ecke zur anderen. So groß ist diese kleine Savannenlandschaft ja nicht, vielleicht 10×2 km.
Ich frage ihn, warum es oben in den Bergen noch einen (mit ca. 200 km²) wesentlich größeren Nationalpark gibt. Er gibt mir zu verstehen, dass ohne Zaun und Überwachung alle Gazellen und Antilopen abgeschossen werden und deswegen der eigentliche Nationalpark hier unten liegt.
Da steht im Reiseführer also mal Quatsch. Aber gut, der hat mich hierhergelotst. Insofern ist das schon okay. Und die Reiseführerautoren können auch nicht so viel Zeit investieren wie ich. Die müssen schließlich Geld verdienen, also Aufwand und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis halten, während ich mich tagelang mit allen Details des Nationalparks Bou Hedma beschäftigen und dem Chef auch noch den Traktor reparieren könnte. Jedenfalls hält er immer wieder an, damit ich auch mal ein Foto hinbekomme. Es ist schon ein Witz, dass ich auf meiner Privatsafari durch Bou Hedma mit dem Handy fotografiere, während im Bus die Spiegelreflex mit 300er Teleobjektiv liegt. Aber an die denke ich inzwischen schon gar nicht mehr. Und für meine eigenen Augen hab ich ja das Fernglas.
Beim Traktor steht die Tankanzeige inzwischen im roten Bereich und er lässt den guten John Deere 5403 lieber stehen.
Das ist mir ganz recht, denn zu Fuß gefällt mir die Savanne sowieso besser. Traktorfahren ist nicht schlecht, aber Tiere vom knatternden, hoppernden Trecker zu beobachten, ist nicht gerade ideal. Zu Fuß kommen wir an eine Herde von 30 Antilopen auf 50 Meter heran. Echt krass. Aber die Tiere kennen ihren Chef, weil er sie ab und zu füttert.
Auch interessant ist, wie er mit dem Plastikmüll umgeht. Ich denke schon: Oh, er sammelt den jetzt ein. Aber nein. Er nimmt die herumliegenden Tüten, knüllt sie zusammen und stopft sie einfach in den nächsten Busch. Will schon was sagen, aber das steht mir nicht zu. Wenn es allerdings darum ginge, hier einmal Müll einzusammeln, würde ich mich glatt melden. Wobei so viel dann auch wieder nicht rumliegt.
Es gibt auch Füchse und wilde Hunde, die sich Höhlen mit zwei Ausgängen graben.
Er zeigt mir außerdem, wo die Antilopen sich zur Ruhe legen und schickt mich für ein affiges Foto auf einen alten Turm. Wir machen Selfies, und alles ist ganz nett. Dann telefoniert er noch einen Kumpel herbei. Ich verstehe immer nur Bruchstücke, aber es geht jedenfalls um almani. Wer weiß, vielleicht will er ja mal das deutsche Fernglas zeigen. Kurz darauf sitzen wir zu dritt auf dem Traktor und fahren durch den Nationalpark Bou Hedma.
Der Kumpel ist vielleicht der Chefeinkäufer, der endlich mal ein vernünftiges Fernglas kaufen soll. Aber am Ende ist es dann doch er, der das Tor aufschließen muss.
Abschied vom Nationalpark Bou Hedma
Die ganze Zeit überlege ich schon, was ich als Dankeschön für die dreistündige Safari durch Bou Hedma geben könnte. Geld ist mir zu profan. Diesel aus meinem Reservekanister lehnt er ab. Am Ende kommt mein Freiberger Bier zum Einsatz, aber erst, als ich beweise, dass es auch wirklich alkoholfrei ist. Doch ich glaube, dass er am liebsten mein Fernglas hätte.
Doch das Fernglas ist zwar klein, aber am Ende viel zu teuer für ein Geschenk. Und damit die Verabschiedung nicht aus dem Ruder läuft, mache ich schon einmal die Dieselheizung an und sage ihm, dass ich jetzt nach Tunis zum Flughafen fahren muss. Also tauschen wir die Kontaktdaten aus und er schwört mich darauf ein, dass ich unbedingt mit meiner Frau wiederkommen soll. Oh, das wird nicht einfach.
Fahre zum Abschied noch einmal für ein Foto zum Eingangstor des Nationalparks Bou Hedma. Wäre cool gewesen, mit dem Wohnmobil in der Savanne herumzufahren, aber Traktor geht auch.
Die Piste zurück zur Straße ist nichts besonderes. Gibt außerhalb der eingezäunten Savanne sowieso kaum Bäume und erst recht keine Tiere.
Oben im gebirgigen Teil des Nationalparks Bou Hedma ist es ganz nett, aber im Wesentlichen sind das auch nur nackte Felsen. Ist ja klar, dass eine Savannenlandschaft unten im Tal liegt.
Und ja, ich muss wirklich nach Tunis. Hab aber noch ein bisschen Zeit und trödle nördlich des Djebel Bouhedma quer durchs Land, begehe dabei aber eine Dummheit nach der anderen.



































