Tunesien: Terrorgefahr oder Verulke?
Im Gebirgszug nördlich der Linie Kasserine-Kairouan hat Tunesien wegen angeblicher Terrorgefahr Angst um Autotouristen.
Olivenhaine im Herzen Tunesiens
Nördlich der Antilopen-Savanne und des Nationalparks Bouhedma wird Tunesien wesentlich grüner. Rund um Menzel Bouzaiane kultivieren die Bauern viele Olivenhaine und es regnet auch öfter mal. Klar, die Savanne ist der Übergang von der Wüste zur Landwirtschaft. Je weiter nördlich, umso grüner und satter wird alles. Schwere Böden, fruchtbare Felder, reiche Ernten.
So viel Wasser scheint es aber dann doch nicht zu geben, denn die Abstände zwischen den Olivenbäumen sind recht groß.
Neben den Olivenbäumen ist aber auch der Peugeot 404 typisch für das landwirtschaftliche Tunesien, und zwar am liebsten als Pickup.
Erstaunlicherweise hat aber auch der eine oder andere VW T3 überlebt.
Revoluzzerstadt Sidi Bouzid
Erreiche kurz vor Sonnenuntergang Sidi Bouzid, wo 2010 die tunesische Revolution mit der Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers begann. Ob das nun eine Heldentat oder Dummheit war, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht sind einer Hydra nur neue Köpfe gewachsen.
Muss nach meiner Reifenpanne auf der deutschen Autobahn für ein funktionierendes Ersatzrad sorgen und halte nach einer halbwegs ausgestatteten Reifenwerkstatt Ausschau. Jetzt am Ramadan-Nachmittag sind die meisten Reifenbuden schon geschlossen, aber eine hat noch offen.
Frage nicht lange nach Preisen, sondern lasse den ersten nach 60.000 km durchgestochenen Falken Wildpeak AT3WA vom Ersatzrad runternehmen und einen meiner beiden Reservedecken aufziehen. Ich war noch nie so zufrieden mit einem Reifen, aber dennoch ist es immer gut, ein bisschen Überschuss dabei zu haben. Vor allem wenn ich in der Wüste quasi ohne Luft fahre, steigt das Risiko für derartige Beschädigungen.
Mache aber alles selber, was mit dem Bus zusammenhängt. Also den neuen Reifen vom Dach holen, das Ersatzrad abnehmen und natürlich auch das Ersatzrad wieder unters Heck schrauben. Da lasse ich keinen anderen ran.
Der Mann im deutschen Heinishirt macht seine Arbeit schnell und gut und nimmt dafür zehn Dinar, also 3 €. Entgegen meiner Erwartung will er aber den alten Reifen nicht reparieren. Im Gegenteil, er sagt, der Reifen wäre gar nicht kaputt. Und das, obwohl ich die Stelle mit dem eingefahrenen, spitzen Stein extra markiert hatte.
Ja aber mir wird doch auf der deutschen Autobahnraststätte niemand die Luft runtergelassen haben? Vielleicht ein Lkw-Fahrer, der sauer war, dass ich einen der seltenen Plätze belegt habe? Bin jedenfalls ein bisschen verunsichert und nehme den Reifen lieber mal mit. In der Wüste sind meine 235/85 R16 als klassische Land-Rover-Größe unter Umständen Gold wert.
Hab jetzt jedenfalls wieder ein funktionsfähiges Ersatzrad unter dem Bus. Und eine „kaputte“, aber im Notfall vielleicht doch noch verwendbare Decke auf dem Dach. Daneben liegt der schon einmal geklaute und von der Nationalgarde in Maktar wieder besorgte Reifen. So schnell werde ich die nicht brauchen, aber bald geht es über Sand- und Schotterpisten durch den Dünengürtel zum Tembaine, da wird es ernst für meine Reifen.
Nervöse Nationalgarde am Jebel Mghilla
Zunächst muss ich aber noch einmal nach Tunis. Das sind von Sidi Bouzid auf der Hauptstraße noch 250 km.
Aber ich durchquere das (angebliche) Terroristengebiet nördlich der Linie Kasserine – Kairouan lieber auf der kleinen C77 Richtung Maktar. Kaum bin ich abgezweigt, verfolgen mich zwei Fahrzeuge und zwingen mich anzuhalten.
Ein fließend englisch sprechender Typ in Räuberzivil stellt sich ohne jeden Nachweis als Angehöriger der Nationalgarde vor. Kontrolliert erst die Papiere und wiegt dann bedächtig den Kopf. Am Ende lässt er mich dann doch weiter durch den Jebel Mghilla nach Maktar fahren. Ich soll nur schnell machen und auf gar keinen Fall anhalten.
Klar, und wie soll ich unterscheiden, ob aus einem weißen Pickup nun ein Terrorist in Zivil oder ein Nationalgardist in Zivil aussteigt? Naja, wenigstens verzichtet die Nationalgarde auf eine Eskorte durch den Djebel Mghilla. Kann mir auch nicht vorstellen, dass die Terroristen ausgerechnet auf den kleinsten Straßen auf irgendwelche aller paar Monate zufällig durchreisenden Touristen warten. Da sind doch Hauptstraßen wesentlich attraktiver.
Wer weiß, weshalb die Nationalgarde wirklich nervös ist. Sachsen-Anhalt ist ja neuerdings auch gefährlich. Jedenfalls befolge ich die Anweisungen und halte nur mal kurz zum Pullern an. Denn hübsch ist der Nationalpark Jebel Mghilla schon, erst recht im Abendlicht. Aber hier wie geplant einen Stellplatz suchen werde ich wohl lieber nicht.
Muss also dummerweise noch ein bisschen nach Norden fahren. Nach Sonnenuntergang zieht der Himmel ein ordentliches Spektakel ab, das aber weder die Nationalgardisten noch die Terroristen sehen dürften. Denn alle guten Moslems sind um diese Tageszeit im Ramadan mit Essen beschäftigt.
Dummer Besuch bei der Nationalgarde in Maktar
Das letzte Stück C77 nach Maktar fahre ich im Dunkeln, aber die Scheinwerfer sind dank neuer Leuchtweitenregelung richtig eingestellt, so dass ich die Verwerfungen auf der Dreckstraße rechtzeitig sehe. In der römischen Ausgrabungsstätte Mactaris war ich ja am Urlaubsanfang schon. Nur reitet mich nun die dumme Idee, noch einmal bei meinen Freunden der dortigen Nationalgarde vorbeizuschauen, die mir den geklauten Reifen zurückbesorgt haben.
Aber heute schiebt eine andere Mannschaft Dienst, und die kennt meine Story (noch) nicht. Dabei hätte ich direkt vor der Station übernachtet, wie es beim letzten Mal gewünscht war. Nun aber geht das gar nicht mehr. Das wird mir langsam zu doof und ich erkläre, dass ich dann lieber gleich nach Tunis fahre. Dahin aber wollen die mich eskortieren, und das will ich auf gar keinen Fall. Da aber auch die Nationalgarde keinen Bock auf eine nächtliche Eskorte hat, überlegt die halbe Station hin und her, was sie jetzt mit mir anstellen. Am Ende delegieren sie das Problem auf die örtliche Polizei, die mich über Nacht bewachen soll. Die holt mich nach einer Weile mit Sondersignal ab…
…und weist mir einen Stellplatz in der Straße neben der Polizeistation zu. Da habe ich mir was eingebrockt. Aber egal, der Stellplatz ist zentral und relativ ruhig. Und wenn ich die Polizeistation mit meinem Bollwerk aus Mercedesstahl beschützen kann, soll mir das auch recht sein.
Nachtleben in Maktar
Nutze den zentralen Stellplatz zu meinem Vorteil, gehe in die Stadt und mische mich unter die Leute. Bin zur Tarnung ortsüblich angezogen, also mit Lederjacke und Kapuze. So im Dunkeln sollte ich da kaum auffallen.
Aber auch so ist das Gute in Tunesien, dass man sich frei bewegen kann und nicht ständig angequatscht oder sonstwie belatschert wird.
Zum Abendbrot kaufe ich mir eine Schale Erdbeeren. Merke beim Verzehr allerdings, dass da zwei verschimmelte Früchte in der Schale liegen. Bin noch nicht weit weg und gehe noch mal zum Händler. Die paar Erdbeeren sind mir egal, aber solche Aktionen sind immer interessant. Er will mir anstandslos eine neue Schale geben, findet aber keine ohne schimmlige Erdbeeren. Da hat das Schlitzohr doch tatsächlich in jeder Schale genau zwei verschimmelte Erdbeeren versteckt. So läuft das also.
Und so religiös wie alle tun, geht es dann auch nicht ab. Klar sind ein paar Männer in der Moschee.
Aber die meisten treffen sich zum Spielen und Rauchen in den Spelunken von Maktar.
Ich hingegen sündige in einer Bäckerei mit frischen Kringeln, die Bomben aus Fett und Zucker sind und direkt beim ersten Biss süchtig machen. Wäre ich doch lieber bei meinen Erdbeeren geblieben.
Tunesien ohne Aufkleber
Zurück am Bus ärgere ich mich schon wieder, dass ich mich von der Nationalgarde und ihrer Terroristenangst habe an der Nase herumführen lassen. Besonders sicher ist der Stellplatz vor der Polizeistation sowieso nicht. Die Reifen auf dem Dach sind zwar noch da, aber dafür wurde jetzt der Tunesienaufkleber geklaut. Naja, selbst Schuld. Hätte Bock, mich jetzt einfach davonzuschleichen und in die Nacht hinein zu fahren, verjage den Gedanken aber gleich wieder.
Stattdessen sehe ich mir mal die Videos der Dashcam an und hab wenigstens an den Gesichtern der drei Tunichtgute meine Freude. Aber ich lasse denen mal ihren Spaß. Denn weder Nationalgarde noch Polizei werden so einen Dumme-Jungen-Streich besonders goutieren. Und wenn die mitkriegen, dass ich so dumm war, mich in Maktar nun schon zum zweiten Mal beklauen zu lassen, fahre ich pour votre sécurité nur noch mit Eskorte durch Tunesien.
So ab 23:00 Uhr wird es ganz still in der Polizeiwachenstraße und ich bette mich auch zur Ruhe. Morgen aber muss ich wirklich nach Tunis.
Infos und Werbung
- Nationalpark Bou Hedma – Menzel Bouzaiane – Souk Jedid – Sidi Bouzid – Jilma – C77 – Maktar | Tunesien | 211 km | 2.296 km
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