Nationalpark Ichkeul: Tunesisches Vogel- und Thermalparadies
Eine Safari durchs UNESCO-Weltnaturerbe Ichkeul mit unerwarteter Vogeldichte und Thermalquellen braucht eine Sondererlaubnis.
Anfahrt zum Nationalpark Ichkeul
Die Berge am Cap Angela, dem nördlichsten Punkt Afrikas, sind schon hübsch. Dicht bewaldet, dazwischen grüne, saftige Wiesen, schönes Wetter. Alles perfekt.
Aber nicht so schön, dass ich ewig verweilen mag. Und das nächste Ziel ist nicht weit. Dieser Berg und der See davor bilden den Nationalpark Ichkeul.
Der Nationalpark Ichkeul ist seit 1980 sogar Weltnaturerbe wegen „Hunderttausenden in Tunesien über das Mittelmeer eintreffenden Vögeln wie Enten, Gänsen, Störchen und Flamingos, welche hier nach Futter suchen und ihre Nester bauen„. Ich zitiere das extra mal aus der Wikipedia, weil ich erstens selbst so ein über das Mittelmeer eingetroffener Vogel bin und der Nationalpark zweitens im Gegensatz zur ungeschützten Umgebung durch die besondere Abwesenheit von Vögeln glänzt.
Illegaler Stellplatz im Nationalpark Ichkeul in Tunesien
Auf dem Lageplan zum Nationalpark Ichkeul sieht man ganz gut das namensgebende Bergmassiv im Süden und den großen See im Norden. Sowie den explizit eingetragenen Parkplatz im Osten des Djebel Ichkeul.
Dennoch will mich am Nationalparkeingang irgendein Typ zurückhalten und sagt, dass die Zufahrt zum Parkplatz verboten sei und ich irgendwo anders hinfahren müsste, wo es sowieso viel besser sei. Denke mir, dass ich auf den Trick nicht reinfalle, lasse ihn einfach stehen und fahre auf der ausgewiesenen Piste zum ausgewiesenen Parkplatz.
Stelle den Bus also auf den offiziellen Parkplatz im Nationalpark Ichkeul. Ist doch ganz nett hier. Nur Vögel sehe ich keine.
Nationalpark-Museum Ichkeul
Aber mein Subziel sind die Thermalquellen im Norden des Berges Ichkeul, da werde ich ja wohl unterwegs ein paar Vögel sehen. Notfalls fotografiere ich die aus dem Museum.
In der schlichten Ausstellung des Nationalpark-Museums Ichkeul bin ich wie auf dem Parkplatz und generell überall der einzige Besucher.
Wanderung zu den Thermalquellen am Ichkeul-See
Irgendwo am Nordufer des Djebel Ichkeul müssen eine oder sogar mehrere Thermalquellen sein. Es gibt zwar einen Wegweiser dahin, aber so genau ist das nirgendwo vermerkt.
Auf dem Weg zu den Thermalquellen herrscht bei mir weiterhin höchste Einsatzbereitschaft zur Vogelbeobachtung im Nationalpark Ichkeul.
Aber alles, was ich sehe, ist der Riesenfenchel rechts und links des Weges. Und für den brauche ich kein Fernglas.
Thermalquelle am Djebel Ichkeul
Nach dreieinhalb Kilometern führt ein unscheinbarer Trampelpfad runter zum See Ichkeul. Und da steht tatsächlich ein Thermalhäuschen bzw. eine Thermalhütte, ortstypisch abgedeckt mit Holz und Planen. Könnte auch einen guten Ziegenstall abgeben.
Im heimligen, von einem Vorhang notdürftig verschlossenen Inneren finde ich die gesuchte Thermalquelle. Keine Ahnung, ob es nun die Thermalquelle im Nationalpark Ichkeul ist oder nur eine Thermalquelle, aber ich bin zufrieden. Meinen Kindern schicke ich von unterwegs ja immer so kleine Videos. Wer mag, kann sich das von der Schwitzhütte Ichkeul auf Youtube anschauen.
Das Wasser hat allerdings 45°C, was wirklich heiß ist. Ich denke, die Füße zerkochen mir.
Brauche also meine Zeit, bis ich vollständig im Thermalwasser drin bin und springe umso schneller wieder raus. Bleibe dann noch eine Weile in der kleinen Thermalhütte sitzen, allerdings mit den Füßen auf einem großen Stein. Das heiße Wasser ist auf Dauer wirklich nicht zum Aushalten. Aber hier reift der Gedanke, den ganzen Berg Ichkeul zu umrunden.
Umrundung des Djebel Ichkeul
Die Wanderung um den Djebel Ichkeul ist mit noch 17 km eigentlich gar nicht so weit. Es stellt sich aber heraus, dass der ohnehin schon wenig begangene Weg nach der Thermalquelle fast völlig verschwindet. Es ist, als ob sich die gesamte Vegetation des Nationalparks gegen diesen Weg verschworen hätte. Meist überwuchert Riesenfenchel den schmalen Pfad. Und zwischen den Bäumen verliert sich der Weg manchmal ganz. Hab fast die ganze Zeit mein Handy in der Hand, um den GPS-Tracker halbwegs auf der kleinen Linie zu halten, der vielleicht früher mal ein Pfad gewesen ist.
Verliere dennoch mehrfach den Weg und muss wieder zurück, weil an dem steilen Abhang zum Lake Ichkeul ein Spurwechsel nicht so einfach ist. Hab zum Glück wenigstens eine Flasche Wasser mit, vor allem aber meine Powerbank. Nach 2 Stunden bin ich gerade erst auf der Hälfte der Nordstrecke, also auf einem Viertel der Gesamtstrecke. Und der Weg wird nicht besser.
Was soll’s, auf der Südseite ist Piste, da kann ich schnell laufen. Ich wundere mich nur, dass ich auf der ganzen Strecke nicht einen Wasservogel sehe, nicht einmal eine Ente. Es ist zwar richtig warm und feucht und die Vögel zwitschern in den Büschen und Bäumen wie verrückt, aber Wasservögel gibt es keine. Und zwar ganz genau gar keine.
Aber ich hatte meinen Spaß mit dem Thermalbad, ich bin zufrieden. Nur das Fernglas kann ich in den Rucksack räumen. Konzentriere mich fortan mehr auf die Vegetation. Das hier ist z.B. eine weiße Meerzwiebel.
Südquerung des Djebel Ichkeul
Nach 8 km kann ich endlich nach Süden einschwenken. Dort erwischt mich aber nun ein richtiger Sturm. Durch diesen Hohlweg, den die Tunesier sicherlich nicht für den Wanderweg angelegt haben, drückt es mich fast zurück.
Es wird nun langsam spät und die Tunesier im Südwesten von Ichkeul treiben ihre Tiere nach Hause. Die Schafe werden mit Mopeds geholt.
Die Kühe aber laufen alleine durchs Wasser. Da muss ich glatt mal mein Fernglas wieder aus dem Rucksack rausholen. Das scheinen tatsächlich nur überflutete Wiesen im Nationalpark Ichkeul zu sein. Mit dem Fernglas sieht man das natürlich besser als auf dem Handyfoto, aber man kann sich das ja vorstellen. Kühe im Wasser halt.
Leider stören sich die vielen Hunde an mir, sind aber auch schlau. Ich brauche nur so zu tun, als ob ich mich nach einem Stein bücke, und schon ziehen sie den Schwanz ein und hauen ab.
Ohne Erlaubnis im Nationalpark Ichkeul
Plötzlich hält neben mir ein Moped mit einem elegant gekleideten Herrn. Der fragt, ob mir der Bus auf dem Parkplatz gehört und wo meine Erlaubnis wäre. Scheinbar braucht man nämlich doch eine Genehmigung für den Nationalpark Ichkeul. Und jetzt nach 17 Uhr hat der Park sowieso geschlossen. Jedenfalls ist das alles höchst illegal, was ich hier treibe.
Ich suche mein Heil in der Wahrheit und berichte vom kleinen Missverständnis am Eingang, von der Thermalquelle und der eskalierten Wanderung. Er kann es gar nicht fassen und ist ganz fasziniert davon, dass ich den ganzen Berg umrundet habe. Und plötzlich ist mein Regelverstoß kein Thema mehr. Er ringt mir nur das Versprechen ab, dass ich den Platz heute noch verlasse.
Das gleiche Spiel gibt es am Eingang zum Nationalpark Ichkeul noch einmal. Auch da sind die Wärter einigermaßen überrascht, dass ich von der falschen Seite komme. Noch dazu um diese Zeit.
Bin mir gar nicht sicher, ob es derselbe Typ ist, der mich erst schon aufhalten wollte und den ich einfach abgeschüttelt habe. Jedenfalls sind erst alle angesäuert, dass ich einfach mache, was mir gefällt. Kriegen sich aber ein, als sie von meiner Wanderung erfahren. Und ich schwöre, dass das wirklich keine Absicht war. Hatte ja nicht mal was zu Essen mit. Den zwanzigsten Kilometer laufe ich dann schon im Dunkeln bis zum Bus.
Noch ein Thermalbad
Um den Bus ist alles einsam. Das wäre wirklich der perfekte Stellplatz. Kriege dazu mit, dass aus dem Hammam ein Abwasserkanal mit 40 Grad warmem Wasser rauskommt. Hole mir also ein Radler und lege mich dort noch einmal ins Thermalwasser. So ein (gefühlt) isotonisches Freiberger (ohne Alkohol) ist nach der Wanderung um den Djebel Ichkeul echt ein Genuss.
Wohnmobilstellplatz am Djebel Ichkeul
Selbstverständlich löse ich auch mein Versprechen ein, noch heute hier wegzufahren. Aujourd’hui ist ja zum Glück unbestimmt.
Fahre also aus dem offiziellen Teil des Nationalparks Ichkeul raus und stelle mich an einen Steinbruch. Da der Bus in Sichtweite der Straße steht, verdunkle ich die Scheiben besonders sorgfältig und prüfe das auch mal von außen. Ist stockdunkel jetzt. Und ja, auf dem Foto ist der innen hell erleuchtete Bus zu sehen. Also zumindest wäre er zu sehen, wenn da auch nur ein Lichtschein durchdringen würde.
Mit der Nachrüstung von ein paar Klettbändern ist die Verdunklung jetzt absolut perfekt. Und das war ja auch das Ziel der ganzen Black-out-Vorhänge im Bus. Auf dem nächsten Foto ist es genauso dunkel, aber mein Handy übertreibt die Belichtung im Nachtmodus immer und macht aus dem Vollmond normales Tageslicht. Jedenfalls ist der Bus in Wirklichkeit nicht zu sehen.
Dann esse ich die letzte Scheibe Brot und halte mich an den Salzstangen gütlich, die allerdings wie das ganze Freiberger für die Dankeschönparty in Mides sind. Aber es macht ja auch keinen Sinn, wenn ich vorher verhungere und verdurste.
Abschiedsspaziergang im Steinbruch am Djebel Ichkeul
Die Nacht im Steinbruch ist ruhig und entspannt. Und früh ist mir egal, ob mich jemand sieht.
Ringsum sind gerade mal ein paar Falken zu sehen. Keine Wasservögel.
Aber der Stellplatz ist gut für einen Morgenspaziergang. Klettere also zum Sonnenaufgang über den Steinbruch.
Sehe mit dem Fernglas von oben gut, was sich unten tut, ohne selbst gesehen zu werden. So liebe ich das.
Überlege kurz, mich querfeldein zum Djebel Ichkeul himself durchzuschlagen, denn hier sind viele Ziegen unterwegs, die die Macchie passierbar halten. Aber ich kann nicht ewig rumtrödeln, sondern muss bzw. will übermorgen in Mides sein.
Also Bus vorheizen, Scheibe putzen und los. Auf der Abfahrt sehe ich zur Versöhnung mit dem Nationalpark wenigstens ein paar Seidenreiher.
Wer weiß, welcher Tourismusbeauftragte mir die wieder zum Bus getrieben hat. Seitdem ich nämlich in der Schlucht von Mides wiedergeboren wurde und nun Halbtunesier bin, fühle ich mich nämlich ständig beobachtet, umsorgt und bevormundet. Muss mal schauen, wie ich meine Verfolger abschütteln kann.
Infos und Werbung
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